Ines Dänzer

Raumausstattermeisterin aus Leidenschaft

Ines Dänzer

Kleine Stilkunde der Epochen

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Ein wichtiger Teil unserer Ausbildung ist die Stilkunde. Schließlich müssen wir wissen wie wir z.B. ein Sessel aus dem Biedermeier überziehen müssen, sofern gewünscht ist, dass er stilgerecht wiederhergestellt werden soll.

Dazu eine schöne und wirklich ganz kurze Zusammenfassung der Wandbekleidungen aus dem “1×1 der Tapete” von 2009:

In der Renaissance, der Zeit der Entdeckungen und Erfindungen, wächst das Selbstbewusstsein der Händler. Neue Impulse gehen von den bedeutenden norditalienischen Städten aus. Handelszentren wie Venedig und Florenz liefern kostbare Stoffe und Wandbekleidungen, z.B. Samtbrokat und Damast. Das Dekor ist symmetrisch und in floralen, mauresken Ornamenten und bunten Farben gehalten. Die wichtigsten Räume des reichen Bürgertums sind mit Holztäfelung und “Spanischleder” verkleidet.

Der Barock, die Epoche des Absolutismus, ist vom Repräsentationswillen der weltlichen und geistlichen Herrschern bestimmt. Ludwig der XIV., der Sonnenkönig, prägte mit seinem Hofstaat den Stil. Das gesamte Leben ordnete sich dem steifen Pomp und höfischen Zeremoniell unter. Der Barock zeigt sich in schweren Farben, punzierten Goldledertapeten, üppigen Motiven aus geschwungenen Bandwerk und Akanthusblatt-Ornamenten in prunkvollsten Inszenierungen. Oft ist dies mehr Schein als Sein, so marmoriert man Stuckgips, maseriert Möbel und imitiert mit Flocktapeten echten Seidenbrokat und Gobelins.

Im Rokoko, dem Spätbarock, wandeln sich die prunkvollen und schweren Formen ins Zierliche, Durchdrungene und Leichte. Typisch ist das asymmetrische Muschel-Motiv, die Rocaille.
Die Innendekoration soll dem Betrachter sinnliches Vergnügen bereiten. In den Farben ist sie pastell und leicht, umrankt mit fein verlochten Leisten aus Gold- und Silberstuck. Neben zartem Blumendekor ist die so genannte Chinoiserie sehr beliebt: Handbemalte chinesische Tapeten mit exotischen Motiven aus aller Welt fernöstlichen Blütenmalerei gelten als Inbegriff von Luxus.

Klassizismus; Mit der französischen Revolution besinnt man sich auf die eradlinigen Formensprache der Antike. Elemente der griechischen und pompejanischen Malerei und Herrschaftssymbole wie Lorbeerkränze, Palmetten und Säulen sind zu streng symmetrischen Mustern geordnet.
Typisch für die klassizistische Wanddekoration ist die Gliederung durch senkrechte, verzierte Wandfelder.
Die so genannte Groteske ist ein an einer Mittelachse symmetrisch gespiegeltes Ornament. Sie zeigt zarte Ranken und phantasievolle Motive römischen Ursprungs.
Napoleons Aufstieg zum Kaiser definiert den Beginn des Empire-Stils. Er orientiert sich vor allem an den römischen Vorbildern der Antike.

Stilkunde

Das Biedermeier, ein familiärer, auf Bequemlichkeit ausgerichteter Stil des aufstrebenden Bürgertums, bricht mit dem repräsentativen Ernst des napoleonischen Empire. Die Innenausstattung ist Ausdruck eines einfachen, tugendhaften Lebensstils. Man schätzt freundliche Tapeten mit kleinen Mustern und romantischen Motiven aus der Natur. Beliebt sind Landschaftszimmer mit Panoramatapeten, die den Raum ins Freie öffnen.

Im Historismus greift eine breiter werdende Schicht aufstiegsorientierter Bürger fast beliebig geschichtliche Stile auf. Proportionen, Muster und Farben werden ebenso konfus kombiniert, wie die Stile aufeinander folgen: Neorenaissance, Neobarock, Neoklassizismus oder gr kolonialer Exotismus – es herrscht Stilpluralismus. Vorlagenwerke, die so genannten “Stilbücher”, werden wahllos kopiert und zu einem überladenen, verschnörkelten Dokorationsstil vereint.
In diese Zeit des Umbruchs und der industriellen Revolution fällt auch die Entwicklung des Rotationsdrucks. Sie machte die Leimdrucktapete zum preiswerten Dekorationsmedium für jedermann.

Der Jugendstil kennzeichnet den Beginn des 20. Jh. mit einem stilistischen Umbruch. Die neue Generation verlangt nach Helligkeit und Klarheit. Rechter Winkel und Symmetrie werden zugunsten einer organischen Formensprache überwunden. Die neue florale Ornamentik begeistert Künstler, Architekten und Gebrauchs-Designer gleichermaßen. Das Kunsthandwerk erlangt wieder Ansehen. Organische Formen und Linien schwingen sich über Wände, Möbel und Gegenstände.

Im Art Déco versachlicht sich der Formenkanon. Es entsteht eine Vielzahl ungewöhnlicher Tapetendessins. Geometrisches und Organisches verbinden sich und werden abstrahiert. Werkbund und Wieder Werkstätten ebnen den Weg zur neuen Sachlichkeit.

Stilkunde

Das Bauhaus, als dessen Vorläufer die holländische Bewegung “De Stijl” und der “deutsche Werkbund” gelten, propagiert die Einheit von Handwerk und Kunst. Das Design ordnet sich in seiner Form- und Farbsprache dem sachlichen Zweck und der Funktion unter. Die legendäre Bauhaus-Tapetenkollektion und die Eintontapete Le Corbusiers markieren den Beginn der Unitapete als modernen Anstrichersatz.

In den 50er Jahren, der Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders, herrscht eine optimistische Aufbruchstimmung. Die Menschen suchen die düsteren Kriegsjahre zu verdrängen. Mosaiken, Nierentische und Tütenlampe – der Interieurstil ist hell, leicht und filigran. Inspiriert von der Kunst der Moderne zeigen Stoffe und Tapeten abstrakte, grafische Muster und pastellfarbenen Dessins.

In den 60er Jahren zeigen sich die Früchte des Wirtschaftswunders. Der “american way of life” beeinflusst alle Kultur- und Lebensbereiche. Die Tapetenmuster werden biederer und traditioneller, die Wohnfarben dunkler. Studentenrevolte und Mondlandung markieren den Wendepunkt im Tapetendessin. In der sogenannten Zeit des “Space Age” entstehen futuristische Wohnutopien  mit Pop- und Op-Art-Mustern, schrillen Farben und übergroßen Motiven.

Bis Ende der 70er Jahre erlebte die Tapete eine wahre Euphorie, vor allem Vinyltapeten sind gefragt.
Mit der Ölkrise zeigt sich die Grenze des Wachstums. Geschockt von politischen Unruhen und wirtschaftlichen Umwälzungen entsteht ein starkes Bedürfnis nach Geborgenheit. An den Wänden finden sich nun Gras-, Velours-, Kork- und Metalltapeten. Auch Fototapeten sind beliebt. Motive wie Herbstwald und Palmenstrand helfen die Zukunftsängste zu vergessen. Mit dem Erstarken der Ökologie Bewegung ab Mitte der 70er Jahre dominieren dunkle, stumpfe Farben den Raum, “Jute statt Plastik” lautet die Devise.

Seit den 80er Jahren wächst die Bedeutung des Dessins im Interieur. Muster und Farben weichen der strukturieren hellen Wand. Die weiß gestrichene Raufaser ist fest in deutschen Mietverträgen verankert. Im Objektgeschäft dominiert das Glasgewebe.

Anfang der 90er Jahre versuchte man mit Entwürfen berühmter Designer wie Lagerfeld, Sipek, Mendini, Thun und anderen gegenzusteuern. Doch die 90er Jahre sind die Zeit der kreativen Maltechnik. Ein Trend, den die Tapete nachvollzieht.

Anfang 2000 kündigt sich Neues an. Zunächst von der Film- und Werbebranche als provokatives Element aufgegriffen entwickelt sich die Mustertapete wieder zum Trendsetter. Retromuster und Motivtapeten sind gefragt. Dank digitaler Drucktechniken sind erstmals ganz individuelle Tapetendessins möglich.

Stilkunde

In der heutigen Zeit ist auch durch Lasertechnik kein Wunsch mehr unerfüllbar. Nahezu alles kann an die Wand gebracht werden. Trotz allem ist auch für das Tapezieren der abgefahrenste Tapete die Untergrundvorbereitung der wichtigste Schritt 😉

 

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